„Ich bin so dumm! Ich bin so dumm! Ich bin so dumm!!!“ Dies war einer der 1.000 Gedanken die mir in dieser Horrorsituation durch den Kopf ging. Dabei fing alles so harmlos an.

Sashan und Theo waren auf der Weide. Ich machte den Zaun zum Paddock zu um in Ruhe den Stall auf Vordermann zu bringen. Dazu öffnete ich den Elektrozaun zum Menschenbereich und das Tor am Eingang, da ich öfter an mein Auto musste. Vorab: Das mache ich sonst nie. War der erste „Großputz“.

So ging das eine Weile, bis ich mit der Arbeit soweit war, dass nur noch die Weide gemacht werden musste. Die beiden waren spritzig und rannten die Weide hoch und runter. Ich war auch hier fertig mit der Arbeit und dachte mir, ach komm, machste hier den Zaun auf, dann können die in den Paddock rennen und ich mach hinten zu. Theo schießt also an mir vorbei, Sashan gleich dahinter.

Theo merkte es zuerst, dann Sashan und dann erst ich. Alle Tore waren offen. Und Theo nutze das voll aus. Er rannte durch das Tor, merkte das Sashan folgte (ich bin mir sicher, alleine wäre er nie so weit gerannt aber wenn ein Kumpel dabei ist, ist doch alles super lustig?) und beide Pferde rannten vom Grundstück.

Ihr könnt das sicher nachvollziehen. Dieser Moment wo dir bewusst wird, was da gerade passiert. „Oh nein!!!“ brüllte ich nur und fing sogleich an, Theos Namen zu rufen. Es ist so krass wie einen die blanke Panik ergreift und man kaum klar denken kann. Ein Spaziergänger störte sich nicht daran und lief einfach weiter. Arme heben hätte gelangt und er hätte sie zurückgetrieben. Er schaute sich nicht mal mehr um.

Theo und Sashan rannten also, mit sichtlich viel Spaß, und wurden immer kleiner. Ich rannte ebenfalls los. „Ich bin so dumm!“
Sie rannten genau auf die Hauptstraße zu, die zwar noch ein Stück entfernt und durch einen Bach und Bäume getrennt war, aber trotzdem durch einen Pfad zu erreichen war. Ich rannte also wie eine Irre. Malte mir schon aus, was alles passieren könnte und brach durch diese Gedanken fast zusammen.
Theo und Sashan hatten total Spaß. Das war auch kein Druchgehen, das war einfach „Bock“.
Ich war so hilflos und alleine in dieser Horrorsituation und meine Stummelbeinchen waren so langsam! Ich war einfach voll und ganz verzweifelt.

Ich hörte hinter mir ein Auto hupen. Ein Mädel in meinem Alter und ihr Freund saßen im Auto. „Sind deine Pferde abgehauen?“ Ich rief: „Ja!“ Und sie reagierte sofort. Sie sprang aus dem Auto, rief ihrem Freund noch „schneid ihnen den Weg ab!“ zu und schon rannte sie mit mir. Ich war jetzt schon erleichtert doch noch hatten wir nicht die Pferde. Wir rannten den Weg entlang. Ich den Tränen nahe.
Wir sahen Theo und Sashan nahe an der Hauptstraße grasen. Und nährten uns langsam. Doch als sie uns sahen, rannte Theo weiter. Denn er wollte noch nicht wieder zurück. Nach links. Ins Ort rein.

Ich wusste, das war es jetzt. Es würde meine Schuld sein, dass mein Pferd in ein Auto springt und einen Menschen verletzt. Es würde meine Schuld sein, das mein Pferd von einem LKW überfahren wird. Sashan traute ich so viel Leichtsinn nicht zu. Sie wäre sicher stehen geblieben denn sie lief hinten. Doch Theo hatte zu viel Spaß. Ich hatte alle Hoffnung verloren. Ich traute mich kaum um die Ecke zu schauen. Doch dann kam Theo wieder zurück. Ich schaute um die Ecke und sah einen meiner Helfer. Der Freund wusste scheinbar, wo sie rauskommen würden und hatte den Weg ins Ort blockiert. Beide ließen sich einfangen. Dieser Moment, als ich Theo wieder am Halfter hatte, war unbeschreiblich.
Was ein Albtraum! Der Schock saß mir so tief in den Knochen, dass ich mich auch jetzt kaum noch bei Sinnen halte, während ich das hier schreibe.

Meine Helfer gingen noch mit mir den Weg zurück an den Stall. „Das passiert jedem Pferdebesitzer mindestens einmal.“ Versuchte sie mich zu beruhigen. Ich umarmte sie und war so so so unendlich dankbar. Was wäre passiert, wenn sie nicht zufällig mit dem Auto in der Nähe gewesen wären? Ohne diese beiden, hätte durch meine Dummheit ein Mensch verletzt und mein Pferd getötet werden können.
Als meine Schutzengel wieder in ihr Auto stiegen und wegfuhren, prüfte ich den Stromzaun und stellte es auf die härteste Stufe ein. Ich fing an zu weinen, zitterte am ganzen Körper und hatte keinerlei Kraft mehr. Ich verrammelte alle Zäune lächerlich sicher und stieg in mein Auto. Ich konnte kaum klar denken.

Zuhause trank ich einen Schnaps und rauchte eine Zigarette (weder trinke ich noch rauche ich). Mein Herz hörte bis tief in die Nacht nicht auf, so stark gegen meine Brust zu schlagen.

Diese ganzen: Was wäre wenn?- Fragen. Wie leicht wäre es an diesem Tag gewesen, jede Hilfe zu verpassen? Was wäre wenn er nicht den Weg zum Dorf versperrt hätte? Hätte Theo, der den Verkehr eh nicht mag, einfach gedreht? Was wäre passiert? Hätte ich je wieder ein glückliches Leben führen können, wenn durch mein Fehler ein Mensch schwer verletzt oder Schlimmeres passiert wäre?
Wie furchtbar wäre es gewesen, meine Pferde die ich so sehr liebe, wegen solch eines sau dummen Fehlers beide zu verlieren?
Ich kann darüber nicht weiter nachdenken. Beide hatten ja voll ihren Spaß, ich bin 1.000 Tode gestorben.

Mein Freund meinte später: „Vielleicht musste das heute so passieren. Denn jetzt hattest du Hilfe, die wann anders nicht dagewesen wäre. Den Fehler machst du mit Sicherheit nicht nochmal.“ Und er hat recht. Ich werde nun gezielt eine Zwangsneurose einführen, bei der ich 10 Mal die Zäune prüfe bevor ich gehe oder bevor irgendeinen Zaun für die Pferde öffne.