Ich erinnere mich noch gut an den Moment. 
Vor ein paar Wochen waren mein Vater und ich, wie jeden Samstag, am Stall um weiterzubauen. Er ließ die „große Baustelle“ (Scheune und Stall) erstmal liegen um sich dem Toilettenhäuschen zu widmen. Ich saß da und versuchte alleine an der Heuraufe weiterzubasteln, hatte ich vom „großen“ bauen ja keine Ahnung und musste auf meinen Vater warten, bis es mit der Scheune weitergehen konnte. Alle Freunde hatten an diesem Tag keine Zeit, was völlig verständlich ist, es ist ja nicht ihr Projekt sondern meins.

Ich saß also da und NICHTS funktionierte. Ich hatte keine Ahnung wie es mit der Heuraufe weitergeht (hatte ja keine Anleitung), das Dach war noch lange nicht fertig, ständig suchte ich irgendwelchen Kram und ich hatte dazu noch schlecht geschlafen. Außerdem fehlte die Hälfte oder wurde falsch geliefert. Papa im Hintergrund war auch genervt, da irgendetwas nicht passte.

Egal was ich tat, es klappte nicht. Als ginge ich ein Schritt nach vorne und zwei zurück… Als dann auch zum x-ten Mal, diese blöde Schraube nicht in das Holz wollte und ich mir stattdessen in den Finger bohrte, legte ich die Bohrmaschine wütend hin. Ich ließ mich auf den Boden plumpsen und schaute mich erschöpft um. Das hätte ich nicht tun sollen. Denn ich überblickte die riesen Baustelle mit den vielen kleinen Baustellen die zusammen, irgendwann mal, ein Stall werden sollten.

Ich drehte mich um. Die Scheune zeigte sich von ihrer schlechtesten Seite. Sie sah aus, als würde sie bei der nächsten Mückenlandung in sich zusammenbrechen. Wie viel Arbeit auf diesem Grundstück noch zu erledigen war! Es schien so mächtig und unüberwindbar. 
Und ich fühlte mich plötzlich so klein.

Ich spürte wie sich Tränen in meinen Augen sammelten, so hoffnungslos verzweifelt war ich in diesem Augenblick.
Da ich es nicht mag, wenn mich jemand heulen sieht, rief ich meinen Hund zu mir und verließ das Grundstück. Ein paar Meter weiter fing ich kläglich an zu weinen. Zu groß war die Last auf meinen Schultern. Zu groß war die Angst, etwas Wichtiges übersehen zu haben. Ich kenne mich mit all den Dingen doch gar nicht aus! Hatte ich mir mit diesem Projekt zu viel aufgehalst? Wie konnte ich glauben, dass klein Steffi sowas alleine stämmen könnte?

Klar hatte ich meinen Vater und meinen Freund. Aber zu dritt am Wochenende zu arbeiten, fühlte sich oft wie ein Tropfen auf heißen Stein an. Und bei „Pferdefragen“ stand ich alleine da. Es fühlte sich an, als würde der Stall niemals fertig werden. Als wäre es das Beste, ihn gerade wieder zu verkaufen da ich zu schwach dafür war.

All die Zweifel schlugen auf mich ein. Auf so viele Fragen, aus so vielen verschiedenen Themenbereiche, hatte ich einfach keine Antwort. Und sie schwirren in meinem Kopf umher und verursachen einen enormen psychischen Druck und ein Pochen, dem ich gefühlt nicht entkommen kann. Dazu kommt der zeitliche Druck, denn der Stall muss fertig werden bevor Theo wieder aus dem Beritt kommt. Dann die finanziellen Sorgen die sich nachts in meine Träume zwängen und sie zu Albträumen machten.

Erfüllt von Selbstmitleid und tiefen Zweifeln lief ich wie ein Häufchen Elend über das Feld. Ich fühlte mich so alleine. So niedergeschlagen als könnte ich nicht mehr weitermachen.

Bis zu diesem einen Augenblick. Dieser kleine, banale Augenblick der mich wieder auf die Beine reißen sollte:

Jay, mein kleiner süßer Hund, rannte an mir vorbei, drehte sich noch im rennen um, und stand plötzlich mit einem riesen Grinsen vor mir und schaute mich aus freudigen Augen an. Ich blieb verdutzt stehen und blickte zurück. Was hatte ihn den so plötzlich gestochen? Er hielt Blickkontakt, ging plötzlich mit den Vorderbeinen „in die Knie“, täuschte links an, rannte dann aber unbeholfen nach rechts und fing an, im Kreis um mich herumzurennen. Ganz nach der Art: „Fang mich!“

Ich schaute auf die kleine rennende Wurst am Boden und prustete los. Die letzten noch übrig gebliebenen Tränen in meinen Augen liefen fix die Wangen herunter und waren vergessen. Ich lachte aus Leib und Seele. Ich setzte mich in das Gras und Jay hüpfte in meinen Schoß, legte sich auf den Rücken und schien wieder zu lachen.

Genau das hatte ich gebraucht. Ich kann gar nicht genau sagen was es war, aber es war so nötig gewesen. Keine Wörter der Welt hätten mich aufgemuntert, doch dieser kleine Hund hatte es geschafft allein mit seinem Wesen mich innerhalb Sekunden aus einem Tief zu ziehen. Ich spürte wie langsam neue Energie in meinen Adern floß. Spürte wie sich ein neuer Kampfgeist entwickelte. Fast lächerlich schienen mir meine Gedanken, die ich Sekunden vorher noch gehabt hatte.

Ich kraulte meinen Helden eine Weile und dankte ihm aus tiefsten Herzen für seine treue Seele. Er war sichtlich erfreut, dass ich nun bessere Laune hatte.
Wir standen auf. Ich blickte zum Stall und wusste: Ich packe das. Es wird nach wie vor viel Arbeit, Schweiß und Tränen kosten, aber ich werde es packen. 
Und es wird einfach umwerfend werden.

-Fortsetzung folgt-